ZUM WERK HANS STEININGERS.
Erweiterter Katalogtext zur Retrospektive in der Städtischen Galerie Lienz, 2001
bzw. im Kunstverein Horn, 2001

Hans Steininger wird am 20. Juli 1938 in Horn im niederösterreichischen Waldviertel geboren - in jenem Landstrich, welcher vor 800 Jahren vom Geschlecht der Poigenfürsten regiert wurde. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser Familie, deren Orts- und Kirchengründungen bis heute sichtbares Zeichen sind, wird seine lebenslange Aufgabe, auch künstlerisch. 1959 ergreift Steininger neben dem Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien auch jenes der Geschichte. Seine Abschlussarbeit widmet er dem „Poigreich um Horn", in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung werden ihm die spärlich verbrieften Fakten bewusst, denen ein großes Quantum an verloren gegangenem Wissen gegenübersteht. Dieses Nicht-Wissen regt seine Fantasie an. Triebfeder ist nicht so sehr „geisteswissenschaftliches Interesse als vielmehr der Geist und das Weltbild des Mittelalters", manifestiert durch die Heraldik - die ihn in seinen Bann ziehen. (1) Dieser Umstand markiert den Beginn einer kontinuierlichen über vier Jahrzehnte andauernden künstlerischen und philosophischen Auseinandersetzung.

Der Künstler skizziert in einem Ausstellungskatalog den spezifischen Hintergrund seiner Bildgeschichten folgendermaßen:
Hans Steininger„Diesen Menschen des kleinen Poigreiches um die Stadt Horn im niederösterreichischen Waldviertel und dem kleinen adeligen Wolfker von Stein, dessen Name durch wenige Nennungen in Urkunden als Wohltäter des Stiftes Altenburg überliefert ist, gehört im besonderen meine Zuneigung. Meine Arbeit ist bestimmt von der Erinnerung an heraldische Situationen, Wappen, Tapisserien des Mittelalters. ... Die festen Regeln und Gesetze der Wappenkunst - heute weitgehend ohne Bedeutung und in der Kunst nicht existent und auch anachronistisch - waren für mich Vorherbild und Anknüpfung, hatten aber keine Notwendigkeit im Befolgen, sondern sind Anlass zur Paraphrase. Meine Bildübung ist ohne äußeren Bezug zum Jetzt, Neubildung mit Zeichen einer Bildsprache alter Herkunft, denen ich nicht entkomme."(2)

Hans SteiningerNeben der klassischen Ausbildung - Landschaft, Stillleben, Akt, Porträit - beginnt er bereits in der Studienzeit an der Akademie der bildenden Künste (von 1959 bis 1964 bei Sergius Pauser, Robin Christian Andersen und Herbert Boeckl) mit der Variation seines Themas. Er greift vorwiegend das Adlerthema in kraftvoller, abstrahierender Bildgestaltung auf, wobei er die Gegenständlichkeit in den wenigsten Fällen der Abstraktion gänzlich unterordnet.
Verbindendes Element sind Blau- und Grautöne sowie kräftiges Rot. Blockartige Farbfelder lösen die Formen auf, sind jedoch nicht monochrom - wie in späteren Werkgruppen - sondern mit haptischer Binnenstruktur versehen. Berührungspunkte zu Fritz Wotruba und Nicolas de Stael zeigen sich in diesem Bilderzyklus, der das Emporsteigen des Vogels mit metaphorischer Deutung verquickt:

Hans SteiningerSteiningers Vorstellung von Transzendenz, die jenseits wissenschaftlicher Erklärungsmuster liegt, beansprucht ihren Stellenwert und findet Ausdruck im Vertrauen und der Bejahung auch gegenüber bestimmten religiösen Aussagen. Eine Reihe von Arbeiten, beginnend in den späten 60er-Jahren, zeigt die innere Haltung eines Menschen, dessen Glaube Teil seiner Identität ist: Die Faszination und Ehrfurcht vor der griechischen Antike, die Steininger sein Leben lang begleitet, spiegelt sich beispielsweise in der mythischen Gestalt der Niobe, der ersten Geliebten des Zeus, oder in der Siegesgöttin Nike: der Künstler ist von geflügelten Wesen fasziniert, von Engeln, die in vielen Religionen Wesen darstellen, welche Gott bzw. den Göttern zur Seite stehen. Die Übersetzung aus dem Hebräischen bzw. Griechischen bedeutet „Bote". Phönix, der mythische Vogel, der verbrennt, um aus seiner Asche wieder neu zu erstehen, ist in der Spätantike Symbol der Unsterblichkeit und hat als Symbol Eingang in die mittelalterliche Heraldik gefunden. „Stigma" oder „Apotheotische Rückschau" sind beispielhafte Titel dieser Phase, in der Steininger auch klassischen Themen der antiken Mythologie aufnimmt, z.B. „Apollo und Daphne" und „Daedalus und Ikarus". Mehrere Bilder haben Satyr, den Waldgeist im Gefolge Dionysos, zum Inhalt. Beginnend in den frühen 70er-Jahren widmet sich Steininger fortan dem Thema des Apoll, dem Gott des Lichts, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung sowie der Weissagung und der Künste. Das Heiligtum in Delphi, die bedeutendste Orakelstätte der Antike, war ihm geweiht. Menschen mit einem apollinischen Lebensstil, abgeleitet von der mythischen Gestalt Apollon, stellen nach Nietzsche ihre theoretischen, intellektuellen, nach Maß, Ordnung und Harmonie strebenden Triebe in den Mittelpunkt.

Hans SteiningerReal in der römischen Antike lebende Personen, wie dem römische Kaiser Traian oder dem Staatsmann Caesar widmet sich Steininger auf seinen zahlreichen Reisen nach Rom. Das einzige, als solches ausgewiesene Selbstportrait, zeigt Steininger als Girolamo Savonarola (1452 - 1498), einem italienischen Dominikaner und Bußprediger im Florenz der Medici. Er erregte Aufsehen mit seiner Kritik am Lebenswandel des herrschenden Adels und Klerus, wofür er von Papst Alexander VI. als Häretiker und Verächter des Hl. Stuhles exkommuniziert, eingekerkert, gefoltert und schließlich 1498 auf der Piazza della Signoria in Florenz gehängt und anschließend verbrannt wurde. Steininger nimmt in seinem Selbstportrait, welches er mit „Stein als Savonarola" signiert, Bezug auf den Florentiner Maler Fra Bartolomeo, der um 1498 ein Bildnis von Savonarola angefertigt hatte.

Nach einem Gouache-Zyklus, der Osttiroler Landschaften zum Inhalt hat, beginnt Steininger Anfang der Achtzigerjahre eine ca. zehnjährige Bildserie, die er den Mitgliedern der Poigenfamilie widmet. Als außergewöhnliches Zeichen seiner Verbundenheit und Wertschätzung ist die Widmung der Bilder an diese zu deuten. Beispielhafte Titel dieser Jahre sind unter anderem „Helmzier für Wolfker von Stein", „In heraldischer Tradition: Für Albertus, Wolfkers Vater" oder „Für Albertus, den Jüngeren, das Kind. Mit der Narrenkappe". Die Identifikation des Künstlers mit seinen Bildwelten ist eine umfassende; er signiert die Arbeiten mit „Wolfker von Stein" und wird damit einer von ihnen. Das Spiel mit der Identität drückt sich auch im Titel der nachfolgenden Ausstellungen in der Innsbrucker Stadtturmgalerie 1987 und in Calw/Stuttgart 1989 aus: er betitelt sie „Heraldische Gestalten für Wolfker von Stein". Im Katalog zur Innsbrucker Ausstellung schreibt er:,,... Wolfker von Stein, ein Mensch des Mittelalters im niederösterreichischen Waldviertel, gerade sein Name ist überliefert, kaum etwas aus seinem Leben ist bekannt, hat sich in meiner Vorstellung eingegraben: er und die heraldische Pracht der Schilde und Wappentafeln seiner Zeit, die Dörfer seiner Familie im Poigreich um Horn, das große Haus Wildberg, das Schloss, das den rot-weiß-roten Bindenschild der Poigenfürsten überliefert hat. ..." (3)

Hans SteiningerIm Gegensatz zu den Arbeiten der Studienzeit zeigt Steininger seine den Poigenfürsten gewidmeten Bildmotive nun in klar abgegrenzten geometrischen Farbfeldern, die der Ordnung der Heraldik entsprechen. Das Resultat sind klar strukturierte Bildübungen. Die scheinbar nicht in die Tiefe gehenden und auf die Oberfläche reduzierten, den Gesetzen der Perspektive nicht folgenden Motive, die Formenelemente der Pop Art assoziieren, erschließen sich dem Betrachter rasch. Dieses schnelle Erfassen durch einfache Strukturen und klar abgegrenzte geometrische Farbsegmente war zugleich wesentliches Merkmal der mittelalterlichen Heraldik. Darüber hinaus lässt Steininger in dieser Werkgruppe eine im Mittelalter angewandte Technik wieder aufleben: er beginnt seine heraldischen Abwandlungen auf zusammengenähten Leinwandbahnen bzw. -teilen zu malen, in Anknüpfung an mittelalterliche Wappenbahnen und Tapisserien und verhilft seinen Arbeiten dadurch zu einer noch strukturierteren - da eindeutig von einer Z-Naht voneinander abgegrenzten - Formensprache. "Steiningers Kunst verkörpert wohl einen einmaligen Brückenschlag zu Menschen einer längst vergangenen Welt, die der Künstler als Maler mit Stilmitteln der konstruktiven Abstraktion und lyrischem Gehalt in die Gegenwart transferiert", meint eine der Reaktionen auf die Ausstellungen der ausgehenden 80er-Jahre. (4)

Hans SteiningerIn den neunziger Jahren löst Steininger die klaren Strukturen seiner Bildübungen zum Teil wieder auf, indem er mit einer Kombination aus Ölmalerei und Materialcollagen (beklebte Stoffteile bzw. -bahnen) und durch eine spezifische Tropftechnik neue Spannungsfelder aufbaut. Erstmals widmet er sich einem sehr persönlichen Themenkomplex der Gegenwart; auf die Geburt seiner ersten Enkelin malt er 1994 den Zyklus „Bilder für Constanze"; die Lienzer Dolomiten - stets im optischen Blickfeld des Künstlers, der seit Mitte der 60er-Jahre in Lienz bzw. am Gaimberg in Osttirol lebt - werden aufgegriffen, wie in Tirol real existierende Personen, die mit historischen Persönlichkeiten gemeinsam als Janusköpfe dargestellt werden. Das Tiroler Adelsgeschlecht der Wolkensteiner, einst Herrschafter über Lienz und Schloss Bruck, wird in einem Triptychon thematisiert, genauso wie die Lienzer Rose, die Bestandteil des Lienzer Wappens ist.
Seine zahlreichen Reisen finden ebenso Eingang in sein Werk. Einige Bilder haben Sizilien zum Thema, im Herbst 1996 schreibt er nach einem Neapel-Aufenthalt: „In Neapel kamen mir viele Bilder zu; man kam kaum nach, sie zu notieren, vieles verlor sich." (5) In der daraus hervorgehenden zehnteiligen Serie „Bilder aus Neapel" kombiniert er heraldische Versatzstücke mit real existierenden Personen, beispielsweise Luciano de Crescenzo und David Hockney, denen er jeweils ein Bild widmet.

In seinen letzten Lebensjahren kehrt er wieder zu seinen spezifisch heraldischen Motiven in einem Bilderzyklus mit dem bezeichnenden Titel „Lob der Schilderkunst" zurück. Wieder auf klar strukturierte Formen zurückgreifend, arbeitet er in seinen letzten Bildern in intensiver Farbgebung an der Gestalt des janusköpfigen Adlers. Nicht zum ersten Mal bedient er sich des Doppelkopfes, steht der Januskopf mit dem simultanen Blick in Vergangenheit und Zukunft doch als Symbol für den Fluss der Zeit. Steininger achtet „den Menschen als ein Wesen mit geschichtlichem Bewusstsein. Die Wirklichkeit ereignet sich ihm immer wieder neu. Dabei wiederholt sich das, was schon in ferner Vergangenheit im Spiel war. Und doch richtet sich das Tun und Deuten zugleich auf die Zukunft." (6)

Hans Steininger

Die Heraldik ist in ihrer ursprünglichen Form zum Anachronismus geworden. Das im Mittelalter weithin sichtbare Zeichen der Wappenkunst existiert nicht mehr, ebenso ihre Identitätsstifter. Der „moderne Schild" wirbt nicht mehr für Geschlechter oder Fürstentümer, sondern für Produkte und Unternehmen. Die Kommunikationsprinzipien haben sich aber bis in die Gegenwart erhalten. Erreicht wird diese unbewusste Assoziation damals wie heute mittels einer starken Visualisierung. Über klare Formen und kontrastierende Farbe wird die sinnstiftende Vorstellung nicht mehr über die Wappenkunst, sondern über die „Corporate Identity" vermittelt.

Trotz dieses scheinbaren Anachronismus hält Steininger an seinem Thema fest. Seine konzeptuelle Malerei von konsequenter Originalität findet in der österreichischen und internationalen Kunstgeschichte keine Entsprechung. Sein Thema begleitet ihn von seiner Jugend an bis zu seinem Tod, der ihn im Februar 2000 in Jordanien ereilt.

 

(1) aus: Hans Steininger; Heraldische Gestalten für Wolfker von Stein. Ausstellungskatalog der Stadtturmgalerie, Innsbruck 1987
(2) aus: Hans Steininger: Heraldische Gestaltet, für Wolfker von Stein. Ausstellungskatalog der Galerie Wohlleben, Calw/Stuttgat 1989
(3) aus: Haus Steininger: Heraldische Gestalten für Wolfker von Stein. Ausstellungskatalog der Stadtturmgalerie, Innsbruck 1987
(4) aus: "Brückenschlag zu einer vergangenen Welt", Stuttgarter Nachrichten, März 1989
(5) aus: Hans Steininger: Bilder aus Neapel. Ausstellungskatalog. Galerie Das Kunstwerk, Wien 1996
(6) aus: Hans Steininger: Heraldische Gestalten für Wolfker von Stein. Ausstellungskatalog der Galerie Wohlleben, Calw/Stuttgart 1989