DIE STADT HORN, DAS POIGREICH UND HANS STEININGER
Katalogtext zur Retrospektive in der Städtischen Galerie Lienz 2001
bzw. im Horner Kunstverein 2001
Die Kleinstadt Horn liegt etwa 80 km nordwestlich von Wien bzw. ca. 45 km nördlich der an der Donau gelegenen Stadt Krems. Näher bei der Stadt Horn als die beiden genannten Städte war die Staatsgrenze zur Tschechoslowakei bzw. heute zur Tschechischen Republik.
In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts hatte die Stadt Horn rund 3400 Einwohner. Horn war damals eine Stadt des Kleingewerbes inmitten einer agrarischen Umgebung, sie hatte sich darüber hinaus den Ruf einer Schul-, Beamten- und Pensionistenstadt erworben. „Horn ist eine ausgesprochene Schulstadt ohne Fabriken, ohne Bergwerke, ohne Maschinenhallen, ohne Rauch und Lärm", schrieb 1933 ein in Horn lebender Offizier. In der Zeit zwischen den Weltkriegen erfolgte im Wirtschaftsgefüge der Stadt keine wesentliche Änderung. Der Zahl der Beschäftigten nach waren die beiden Baufirmen Steiner und Prager die größten Betriebe. Die Stadt hatte schon 1908 mit einem Wasserkraftwerk am nahe gelegenen Kamp den Anschluss an die Elektrizitätsversorgung gefunden. Die Buchdruckerei Ferdinand Berger, 1868 als Einmannbetrieb gegründet, formte sich immer mehr zu einem Spezialbetrieb für wissenschaftliche Werke und Zeitschriften. ...
Politisch war Horn in der Zwischenkriegszeit eine deutschnationale Hochburg. Die gemäßigten Deutschnationalen, die schon vor 1905 in der Stadt tonangebend gewesen waren, besiegten 1919 die Christlichsozialen und stellten zwischen 1919 und 1934 mit dem Kaufmann Adolf Wizisperger den Bürgermeister. Als am 20. Juli 1938 Hans Steininger in Horn geboren wurde, war die Stadt bereits in nationalsozialistischer Hand, die Hetze gegen die jüdischen Geschäftsleute war voll im Gange.
Die Kindheit Steiningers fällt in die Zeit des niedergehenden Nationalsozialismus und den Beginn der sowjetischen Besatzungszeit. Er erinnert sich: „Das wichtigste akustische Signal meiner Kindheit war das Heulen, das Gebrüll der Sirene auf dem Dach des Nebenhauses. Fliegeralarm schien es täglich zu geben, und es riss einen aus dem, was man tat, dem Spiel, dem Schlaf. Aber auch das tiefe Surren und Brummen von den vielen Dutzend in dichten Formationen über den Himmel ziehenden Propellerflugzeugen der Amerikaner und der Royal Air Force der Engländer war ein unvergessliches Geräusch." Für Hans Steininger, der 1943 eine Schwester bekommen hatte, war es eine Kriegskindheit „in einer vaterlosen Familie". Sein Vater kehrte im Mai 1945 nach sechs Jahren Kriegseinsatz in Polen, Frankreich, Russland und Italien als Obergefreiter aus dem Krieg zurück.
Nach eher „wilden Kinderjahren" faszinierte den jungen Steininger das Ministrieren in den drei Horner Kirchen, in schulischer Hinsicht half der Horner Hauptschullehrer Hugo Spiegel dem jungen Schüler bei der Behebung der Lernrückstände. Im Rückblick schrieb Steininger über Spiegel, der wegen seines Humors und seiner Leutseligkeit viele Bewunderer hatte: „Hugo Spiegel war zwar vor allem Fachlehrer an der Horner Hauptschule, aber auch Schachspieler im Cafe Beinhauer, Lieferant journalistischer Kommentare in Bild, Wort und Schrift, Dichter und Maler, pädagogisches Talent mit der Fähigkeit, in allen Fächern und Wissensgebieten beschlagen zu sein, ein Original mit der Begabung zur Selbstkritik [...]".
In den Jahren 1949 bis 1957 besuchte Steininger das Realgymnasium in seiner Geburtsstadt Horn. Das elterliche Wohnhaus lag in der Thurnhofgasse nahe dem Rathaus, das Gymnasialgebäude in der Wiener Straße war nur wenige Gehminuten entfernt. „Steininger war ein Mitschüler, den die Literatur unheimlich interessiert hat; er war der Erste von uns, der die Werke der Weltliteratur gelesen hat", erinnert sich seine Mitschülerin Helga Schödl, verheiratete Schönhacker. Mit seinen Freunden Werner Gamerith und Hannsjörg Lauermann teilte er die Liebe zur Natur; gemeinsam durchstreifen sie das Taffatal und das Kamptal zwischen Steinegg und Rosenburg. „Als Vierzehnjährige haben wir eine Woche auf einer Kampinsel kampiert", erinnert sich Werner Gamerith, der Jahrzehnte später den Hauptbeitrag für das Kamptalbuch „Zwischen Bedrohung und Bewahrung" verfasste.
Acht Jahre lang war Prof. Theobald Saru der Zeichenlehrer Steiningers. Professor Saru, 1902 als Sohn eines k.u.k. Offiziers in Slowenisch-Brod geboren, wuchs in Ungarn auf und war noch stark durch die Offizierstradition der österreichisch-ungarischen Monarchie geprägt. Dr. Raimund Edelmann, Religionslehrer am Gymnasium und Rektor des Piaristenkollegiums in Horn, charakterisierte Saru so: „Seine äußere vornehme Erscheinung, wie seine in jeder Hinsicht ritterliche Kameradschaft, waren das getreue Spiegelbild seiner inneren Vornehmheit." In der 7. und 8. Klasse des Gymnasiums ging Hans Steininger mit dem 1937 geborenen Karl Korab in die Schule, der nach der Matura auch an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte und heute zu den bedeutenden Künstlern Österreichs zählt.
Korab und Steininger waren in der Oberstufe des Gymnasiums bereits ausgeprägte Persönlichkeiten, Prof. Saru hat sie angeleitet, aber nicht beeinflusst.
Prof. Saru wohnte an einer Straßenkreuzung gegenüber dem Gasthaus Blie. Er stand am Nachmittag meistens an einem Fenster seiner Wohnung und beobachtete Tag für Tag die Vorgänge auf den Straßen. Dies war auch dem jungen Steininger aufgefallen. Er schrieb über seinen Zeichenlehrer: „Noch viel später, nach den acht Jahren des Gymnasiums, durch die mich Theobald Saru mit Wohlwollen hindurchtrug, mein Zeichentalent förderte, mich zur Kunst führte, vermachte er mir seine Staffeleien, Farben und Leinwände, die mir seine Frau nach seinem Tod übergab." Saru, der nur wenige Werke hinterlassen hat, war am 6. April 1959, knappe zwei Jahre nach Steiningers Matura, verstorben.
Jene Künstlerpersönlichkeit, die auf den Schüler Steininger großen Eindruck machte, war der akademische Maler und Professor Karl Scholz (1879-1957), von dem Steininger schon als Bub ein Bild, „das erste Bild meines Lebens, das mich seinerseits magisch anschaute" in der Horner Volksbank unweit seines Elternhauses bewundert hatte. Er erinnert sich: „Im Kassenraum der Volksbank hing ein Bild, ein kleines Ölbild, das mir neuartig und ungewohnt erschien, das ich immer anschaute, wenn ich warten musste". Scholz, der seit 1919 Mitglied des Wiener Künstlerhauses war und als freischaffender Maler in Wien und Horn lebte, war vor allem als Porträt-, Genre- und Landschaftsmaler tätig.
Steiningers Interesse an Geschichte wurde durch seinen väterlichen Freund Hugo Spiegel geweckt, der ihm das Buch „Die Stadt Horn um das Jahr 1600" des Altenburger Benediktinerpaters Friedrich Endl geschenkt hatte. Hugo Spiegels Liebe zur Geschichte Horns und des Horner Umlandes wurde offensichtlich auf Steininger übertragen, der einerseits viele Dörfer in der Umgebung der Stadt kannte, weil ihn sein Vater als Kraftfahrer der Molkerei oft auf einer Tour mitfahren ließ und der andererseits schon als Gymnasiast mit wichtigen historischen Werken Bekanntschaft schloss. Steininger, der an der Akademie der bildenden Künste Malerei und Kunsterziehung sowie an der Universität Wien Geschichte und Kunstgeschichte studierte, konnte dort sein Interesse an der geschichtlichen Entwicklung der Region um Horn vertiefen.
Beim langjährigen Ordinarius für österreichische Geschichte Univ.-Prof. Erich Zöllner schrieb Steininger als Student eine zusammenfassende Arbeit der Forschungen Lechners über „Das Poigreich um Horn". Univ.-Prof. Karl Lechner, Direktor des Niederösterreichischen Landesarchivs, hatte vor allem mit seiner besitzgeschichtlich genealogischen Methode neue Erkenntnisse über die Besiedlung und Grundbesitzverteilung des Waldviertels geliefert.
Das Poigreich umfasste eine Fläche von etwa 200 km2 und war das Gebiet einer mittelalterlichen Grafschaft, die in ihrer Ausdehnung ungefähr dem Horner Becken und seinen Randgebieten entsprach. In diesem Gebiet lag das Herrschaftsgebiet der Grafen von Poigen. Mit Graf Gebhard von Poigen wurde das Grafengeschlecht in einer Kaiserurkunde am 29. September 1108 erstmals genannt. Die Grafen von Poigen übten vom Ende des 11. Jahrhunderts bis Anfang des 13. Jahrhunderts die Herrschaft über das Horner Becken aus. Die Hauptlinie starb mit dem Grafen Hermann und seiner Frau Hildburg um 1150 aus. Doch ging der Besitz zum großen Teil an die zweite Hauptlinie über, die sich vorwiegend von Rebgau und Hohenegg nannte. Sie starb etwa in der Mitte der Achtzigerjahre des 12. Jahrhunderts aus. Die dritte Linie des Geschlechts, die Grafen Poigen-Hohenburg-Wildberg, starb vor 1210 mit Friedrich II. von Hohenburg aus.
„Diesen Menschen des kleinen Poigreiches um die Stadt Horn im niederösterreichischen Waldviertel und dem kleinen Adeligen Wolfker von Stein, dessen Namen durch wenige Nennungen in Urkunden als Wohltäter des Stiftes Altenburg überliefert ist, gehört im Besonderen meine Zuneigung." So erläuterte Steininger 1989 in einem Ausstellungskatalog seinen Bezug zum Poigreich.
Der von Steininger angesprochene Wolfker von Poigen-Stein scheint in mehreren Urkunden des 12. Jahrhunderts auf. Er war nach Lechner ein Bruder Gebhard I. von Poigen-Stein und dürfte mit seinem Bruder ein Mitbesitzrecht auf Poigen und Stein gehabt haben. Über die Zuordnung des Namens Poigen an einen bestimmten Ort schreibt Karl Lechner 1924: „Die sichere Bestimmung dieses Stammsitzes ist nicht ganz leicht." Er selbst dachte an die Ortschaft Poigen, ca. 8 km nordwestlich von Horn. Der Kirchenhistoriker Alois Plesser bezog den Namen Stein auf die Burg Stein (Tursenstein, heute „Ödes Schloss" am Kamp bei Altenburg). Der Benediktinerpater Benedikt Wagner aus Seitenstetten stellte neuerdings die These auf, dass Poigen als Sitz der Grafen nicht im heutigen Ort Poigen, sondern an Stelle des Klosters Altenburg zu suchen sei. Die Burg Stein am Kamp wäre als neue Burg errichtet worden, nach der sich die Grafen von Poigen gelegentlich nannten. Durch diese Neugründung sei die alte Burg (Altenburg!) funktionslos geworden, dort hätte 1144 Hildburg von Poigen das Kloster Altenburg gegründet.
Auch mit diesem Benediktinerstift hat sich Hans Steininger während des Studiums auseinander gesetzt. Bei Univ.-Prof. Gerhard Schmidt am Kunsthistorischen Institut verfasste er eine Arbeit über „Die Malereien der Krypta von Stift Altenburg". Das Interesse an der Geschichte des Poigreiches, sowie seine Aufgeschlossenheit für die kulturellen Aktivitäten, führte Hans Steininger von Lienz, wo er seit 1964 als Gymnasialprofessor wirkte, immer wieder ins Waldviertel, wo auch seine Eltern lebten. Steiningers Vater Johann starb am 11. Juli 1980 im Alter von 75 Jahren, seine Mutter Maria im 84. Lebensjahr am 2. November 1998.
Quellen- und Literaturhinweise
- Kurze Chronik der 300-Jahr-Feier. In: 79 Jahresbericht des Bundes-Gymnasiums und -Realgymnasiams in Horn, NO., Schuljahr 1956-57 (Horn 1957) S. 16-19.
- Werner Gamerith/Dieter Bogner/Friedrich B.Polleroß, Zwischen Bedrohung und Bewahrung. Das Kamptal - Eine ökologische Parabel Wien-München 1987).
- Raimund Edelmann, In Memoriam an O.St.R. Professsr Theobald Saru. In: 81. Jahres- Bericht des Bundes-Gymnasiums und -Realgymnasiums in Horn, NÖ., Schuljahr 1958-59 (Horn 1959) S. 22.
- Hanna Egger/Gerhart Egger/Gregor Schweighofer/Gerhard Seebach, Stift Altenberg und seine Kunstchätze (St Pölten-Wien 1881)
- Helmut Feigl, Die Bedeutung Karl Lechners für die niederösterreichische Landengeschichtsforschung und die Methodik der historischen Wissenschaften. In: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich und Wien 46 (1975) S. 213-217.
- Karl Korab. Bildwerke 1960-1999 (=5. Band aus der Kunstbuchserie der Edition Bank Austria, trend-profil, Verlag der Galerie Ernst Hilger, Wien 1999).
- Karl Lechner, Geschichte der Besiedelung und der urnprünglichen Grundbenitzverteileng des Waldviertels. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich NF 16 (1924) S. 10-210.
- Karl Lechner, Geschichte der Besiedelung und der älteren Herrschaftsverteilung. In: Franz Lukas/Friedrich Moldaschl (Hg.), Heimatbuch den Bezirkes Horn. 1. Band (Horn 1933) S.246-304.
- Karl Lechner, Besiedelung- und Herrschaftsgeschichte des Waldviertels. In: Eduard Stepan (Hg.), Das Waldviertel. 7. Band: Geschichte, II. Buch (Wien 1937) S. 5-276.
- Karl Lechner, Horn, In: Karl Lechner (Hg.), Handbuch der historischen Stätten Österreichs. 1. Band: Donauländer und Burgenland (Stuttgart 1970) S. 328-333.
- Rudolf Malli, Das Poigreich während des Mittelalters. Ein Beitrag zur Siedelungs- und Herrschaftsgeschichte des Horner Raumes. In: NebelHorn 1 (1984) S.119-133.
- Erich Rabl, Nationalsozialismus und russische Besatzung im Bezirk Horn. Ein Genpräch mit Hans Kapitan. In: Das Waldviertel NP 35 (1986) S.1-23.
- Oberstudienrat Prof. Saru. In: Niederösterreichische Landes-Zeitung 80. Jg., F.16 (16. April 1959), S. 9.
- Abschied von Prof. Saru. . In: Waldviertler Post/Horner Zeitung 14. Jg., Nr 16 (16. April 1959) S. 3.
- Gregor Schweighofer, Poigreich-Führer. Horn und Umgebung (Horn 1955)
- Direktor Hugo Spiegl IN: Waldviertler Post/Horner Zeitung 16. Jg., Nr 21(10. August 1961) S.1.
- Hans Steininger, Heraldische Gestalten für Wolfker von Stein (Lienz 1989).
- Hans Steininger, Kinderjahre in Horn. In: Erich Rabl/Anton Pontesser (Hg.), Erinnerungen an Horn. Beiträge zur Geschichte der Stadt Horn im 20. Jh. (Horn 2001) S.241-260.
- Richard Szerelmes, In memoriam Prof. Karl Scholz. In: Kulturberichte aus Niederösterreich (15. März 1957) S. 19.
- Benedikt Wagner, Poigen, der alte Nome von Altenburg. In: Fundort Kloster. Archäologie im Klosterreich. Katalog zur Ausstellung im Stift Altenburg vom 1. Mai bis 1. November 2000 (= Funderichte aus Österreich, Materialhefte, Reihe A, Heft 8, Wien 2000) S 37-47.
- Max Weltin, Zur Entstehung der niederösterreichischen Landgerichte. In. Babenberger-Forschungen (= Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich NF 42, 1676) S. 276-315.
- Peter Weninger, Professor Karl Scholz In: höbarthmuseum der stadt Horn (Horn 1973) S. 159-162.
- Gespräch mit Dipl-Ing. Werner Gamerith (Mitschüler Steiningers), Waldhausen, 0Ö, am 18.1.2001
- Gespräch mit dem akademischen Maler Prof. Karl Korab (Mitschüler Steiningers), Sonndorf bei Maissau, NÖ, am 18.1.2001.
- Gespräch mit dem Hauptschullehrer i.R. Hansjörg Lauermann (Mitschüler Steiningers), Eggenburg, NÖ, am 18.1.2001.
- Gespräch mit Helga Schönhacker (geborene Schödl, Mitschülerin Steiningers), Horn, NO, am 15.1.2001.