BILDER AUS NEAPEL
Katalogtext zur Ausstellung in der Galerie Das Kunstwerk, Wien 1996
Über den Gewächsen des neapolitanischen Gartens, über dem Grün der Pflanzen in der Bläue des Lichtes sieht man die rote Fahne mit dem Stern. Frau Jenny Marx erscheint, dunkelhaarig wie eine Hiesige, als Doppelherme mit Karl, ein Paar wie Sonne und Mond. Bilder aus dem imaginären Museum tauchen auf und setzen sich fest, wie die Taube des David Hockney, obwohl eine Warhol-Schau plakathaft und mächtig in den Vordergrund drängt: Die Taube, eine Erinnerung aus dem Bild mit dem Sessel Le Corbusiers, eine Nebensache unter all diesen Bäumen. Dem Luciano De Crescenzo, der Leichtfüßigkeit des Fabulierens seiner Philosophen und der philosophierenden Hausmeister, der Gelassenheit und dem Frieden in der lauten und gefährlichen und verrufenen Stadt Neapel gab ich eine andere weiße Taube, welche Paloma auch immer, mehr Symbol als Vogel. Die Piazza del Mercato, ein schäbiger und im letzten Krieg bombardierter Ort, geschmückt mit den Fahnen der Stadt und mit den Kirchen, trägt die Erinnerung an Dietpolt von Vohburg, den Großneffen Wolfkers von Stein aus dem Poigreich um Horn, im Schicksal verbunden mit dem staufischen Königssohn Konradin: junge Burschen, die an diesem düsteren Platz an einem Herbsttag des Jahres 1268 enthauptet wurden. Vergil wird sichtbar, seine Geschöpfe Dido und Änäas. Und die Sibylle von Cumä. Und ein Ex voto für den König von Neapel, den mutigen General Napoleons, den sorglosen Joachim Murat, den man in Kalabrien elend enden ließ. In Neapel kamen mir viele Bilder zu; man kam kaum nach, sie zu notieren, vieles verlor sich.


